Pharma-Kritik

Finasterid zur Behandlung der Alopezie

Etzel Gysling
pharma-kritik Jahrgang 20, Nummer 03, PK355
Redaktionsschluss: 18. Dezember 1998
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Synopsis

Unter dem Namen Propecia® wird Finasterid zur Behandlung der androgenetischen Alopezie empfohlen.

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Chemie/Pharmakologie

Finasterid, ein 4-Azasteroid, ist seit mehreren Jahren als Medikament zur Behandlung der benignen Prostatahyperplasie erhältlich (Proscar®). Es handelt sich um einen spezifischen Hemmstoff der Typ-II-5a-Reduktase. Dieses Enzym ist für die Umwandlung von Testosteron zu Dihydrotestosteron verantwortlich. Nach Einnahme einer 1-mg-Dosis von Finasterid sinkt der Plasmaspiegel von Dihydrotestosteron innerhalb von 24 Stunden um mehr als die Hälfte. Testosteron- und Estradiolspiegel steigen an, bleiben jedoch im Bereich der Normwerte.

Die androgenetische Alopezie wird offenbar durch die Aktivierung von Androgenrezeptoren in den Haarfollikeln ausgelöst. Im Vergleich mit Testosteron bindet sich Dihydrotestosteron wesentlich stärker an diese Rezeptoren. Männer mit einem vererbten 5a-Reduktase-Mangel, die lebenslang sehr niedrige Dihydrotestosteronspiegel haben, entwickeln keine Alopezie.(1) Medikamente, die wie Finasterid die Dihydrotestosteronspiegel senken, sollten deshalb der Glatzenbildung entgegenwirken.

Eine direkte Finasteridwirkung im Bereich der Kopfhaut ist dagegen wenig wahrscheinlich, da hier die Typ-I-5a-Reduktase überwiegt. Entsprechend hat die lokale Applikation des Medikamentes keine therapeutische Wirkung gezeigt.

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Pharmakokinetik

Unabhängig von der Nahrungsaufnahme wird Finasterid nach oraler Einnahme gut resorbiert; die biologische Verfügbarkeit beträgt ungefähr 80%. Maximale Plasmaspiegel sind nach rund 2 Stunden erreicht. Das Medikament wird in der Leber fast vollständig oxidativ metabolisiert. Die an der Biotransformation beteiligten Zytochrome (insbesondere CYP3A4) werden durch Finasterid offenbar weder gehemmt noch induziert. Die Finasteridmetaboliten sind nur minimal pharmakologisch aktiv. Die Ausscheidung erfolgt mit dem Stuhl und über die Nieren. Kleinste Mengen Finasterid finden sich auch im Sperma. Die Plasmahalbwertszeit beträgt 6 bis 8 Stunden.

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Klinische Studien

Gemäss Firmenangaben wurden drei Doppelblindstudien mit insgesamt 1879 Teilnehmern durchgeführt. Bisher liegt nur ein genauerer Bericht vor.

An zwei der erwähnten Studien waren 1553 Männer im Alter von 18 bis 41 Jahren beteiligt; sie hatten alle eine leichte bis mässig ausgeprägte androgenetische Alopezie im Vertexbereich. Sie erhielten während 12 Monaten täglich entweder 1 mg Finasterid oder Placebo. Die Wirksamkeit wurde insbesondere anhand der Zahl der Haare in einem Kopfhautbereich von 1 Zoll Durchmesser (5,1 cm2 ) beurteilt. Im Durchschnitt führte Finasterid zu einer signifikanten Abnahme der Alopezie: auf dem geprüften Hautareal hatten Männer unter Placebo nach einem Jahr 21 Haare weniger, aktiv behandelte Männer hatten dagegen 86 Haare mehr als am Anfang. Ebenso vorteilhaft fiel die Beurteilung auf Fotos sowie die Einschätzung durch Patienten und Ärzte aus. Diese Resultate konnten bei 1215 Männern, welche die Studie unter Doppelblindbedingungen ein weiteres Jahr fortführten, bestätigt werden.(2) Nach zwei Jahren hatten 72% der mit Placebo, jedoch nur 17% der mit Finasterid behandelten Männer weiter Haare verloren.

In einer anderen Studie bei 326 Männern mit leichter bis mittelschwerer frontaler Alopezie war Finasterid etwas weniger wirksam, aber doch signifikant erfolgreicher als Placebo. Nach einem Jahr fanden etwa 50% der mit Finasterid Behandelten, das Aussehen ihrer Haare hätte sich verbessert. In der Placebogruppe waren es nur 30%, die eine positive Veränderung feststellten.(3)

Die Auswirkungen von Finasterid auf den Haarwuchs entwickeln sich meistens nur langsam, so dass die Behandelten frühestens nach drei Monaten eine sichtbare Veränderung feststellen können.(4)

Das Medikament ist in Einzelfällen erfolgreich auch in Kombination mit lokal appliziertem Minoxidil (Regaine® u.a.) verabreicht worden;(5) kontrollierte Studien zur Kombination von Finasterid und Minoxidil sind aber bisher nicht vorhanden.

Bei älteren Männern, die Finasterid zur Behandlung der Prostatahyperplasie erhielten, wurde bisher keine Wirkung auf eine Alopezie beobachtet.

Gemäss einem Kongressbericht wurde Finasterid auch bei 136 Frauen nach der Menopause gegen Placebo geprüft. Auch hier konnte keine Wirkung auf eine androgenetische Alopezie festgestellt werden.(6)

Eine Beurteilung seitens der europäischen Arzneimittelbehörde («European Public Assessment Report») liegt nicht vor.

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Unerwünschte Wirkungen

Fast 2% der Behandelten beobachten unter Finasterid eine Abnahme der Libido, 1,3% hatten Erektionsstörungen und 0,8% ein vermindertes Ejakulatvolumen. Unter Placebo waren diese Störungen nur etwa halb so häufig. Nach Absetzen von Finasterid und vielfach auch unter fortgeführter Behandlung verschwanden die Auswirkungen auf die Sexualität jedoch wieder.

Höhere Finasteriddosen, wie sie bei Männern mit Prostatabeschwerden verabreicht werden (5 mg/Tag), haben in einzelnen Fällen zu weiteren Nebenwirkungen (Gynäkomastie, Myopathien, allergische Reaktionen, angioneurotisches Ödem) geführt. Von besonderer Bedeutung ist die Auswirkung auf das Prostata-spezifische Antigen (PSA): unter Finasterid sinken bei älteren Männern die PSA-Werte um etwa 50% ab.(lit)

Interaktionen

Bisher existieren keine Anhaltspunkte für klinisch relevante Interaktionen zwischen Finasterid und anderen Medikamenten.


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Dosierung, Verabreichung, Kosten

Finasterid zur Behandlung der Alopezie ist als Tabletten zu 1 mg unter dem Namen Propecia® erhältlich; das Präparat ist nicht kassenzulässig, aber rezeptpflichtig. Um das Fortschreiten einer androgenetischen Alopezie aufzuhalten, wird bei jungen Männern eine Finasterid-Tagesdosis von 1 mg empfohlen. Das Medikament ist bei Alopezie anderer Ursachen nicht indiziert. Um die Wirkung aufrechtzuerhalten, ist eine ununterbrochene Therapie notwendig.

Frauen und Kinder sollen kein Finasterid einnehmen. Bei graviden Rhesusaffen führten sehr hohe Finasteriddosen zu Missbildungen der Genitalien männlicher Foeten. Finasterid ist deshalb bei schwangeren Frauen streng kontraindiziert. Vorsichtshalber sollen Frauen im gebärfähigen Alter auch keine zerdrückten oder zerbrochenen Finasterid-Tabletten berühren.

Die 1-mg-Tabletten (Propecia®) sind etwas teurer als die 5-mg-Tabletten (Proscar®). So entstehen durch die tägliche Einnahme einer Propecia®-Tablette monatliche Kosten von gut 100 Franken.

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Kommentar

Eine Glatze ist keine Krankheit - 50% aller 50jährigen Männer haben eine.(8)
Finasterid zur Behandlung der androgenetischen Alopezie muss deshalb genau unter die Lupe genommen werden. In den bisherigen Studien hat sich das Medikament durchschnittlich als wirksam und gut verträglich erwiesen. Die Wirksamkeit gegenüber Placebo ist signifikant, aufgrund der vorliegenden Fotos jedoch nicht sehr beeindruckend. Bei Männern über 45 ist keine Wirkung dokumentiert.

Problematisch ist besonders die Aussicht auf eine Dauerbehandlung: Soll der Haarausfall nicht von neuem beginnen, so muss Finasterid ständig - theoretisch während Jahrzehnten - eingenommen werden. An dieser Dimension gemessen sind die vorliegenden Studien noch viel zu kurz, um auch nur einigermassen zuverlässig Probleme einer Langzeiteinnahme auszuschliessen. Abgesehen von möglichen Konsequenzen für die Sexualfunktion ist dabei auch an die hormonalen Auswirkungen auf Herz und Kreislauf sowie die Lipide zu denken. Es ist keineswegs klar, ob im mittleren Lebensalter eine jahrelange Unterdrückung der Dihydrotestosteronspiegel belanglos ist. Die Behandlung muss zwar nicht notwendigerweise jeden Monat 100 Franken kosten - man kann ja Proscar®-Tabletten vierteln. Dennoch ist zu hoffen, dass nicht allzu viele Ärzte dazu Hand bieten, mit diesem neuesten Lifestyle-Mittel die Bevölkerung noch mehr zu medikalisieren.

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Literatur

  1. Imperato-McGinley J et al. Science 1974; 186: 1213-5
  2. Kaufman KD et al. J Am Acad Dermatol 1998; 39: 578-89
  3. Waldstreicher J et al. Australas J Dermatol 1997; 38: 101
  4. # Mechcatie E. Skin Allergy News 1998; 29 (Februar): 39
  5. Walsh DS et al. Arch Dermatol 1995; 131: 1373-5
  6. Bates B. Skin Allergy News 1998; 29 (Oktober): 15
  7. Andriole GL et al. Urology 1998; 52: 195-201
  8. Sinclair R. Br Med J 1998; 317: 865-9
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Standpunkte und Meinungen

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