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Otitis media: Zuwarten mit Antibiotika

r -- Little P, Gould C, Williamson I et al. Pragmatic randomised controlled trial of two prescribing strategies for childhood acute otitis media. BMJ 2001 (10. Februar) 322: 336-42 [Link]
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infomed screen Jahrgang 5 (2001) , Nummer 4
Datum der Ausgabe: April 2001

Studienziele

Zwei Metaanalysen kamen zum Schluss, eine sofortige Verabreichung von Antibiotika zur Behandlung einer akuten Otitis media bei Kleinkindern habe nur marginale Vorteile hinsichtlich Verminderung klinischer Symptome. In der vorliegenden Studie wird die Durchführbarkeit einer «wait-and-see»-Strategie im Vergleich mit der sofortigen Verabreichung von Antibiotika untersucht.

Methoden

In 42 britischen Allgemeinpraxen wurden Kinder im Alter von 6 Monaten bis 10 Jahren in die Studie aufgenommen. Die Kinder klagten über Ohrschmerzen und hatten otoskopisch Zeichen einer Mittelohrentzündung. Nach dem Zufall erhielten 151 Kinder sofort 3mal täglich einen Amoxicillin-Sirup (125 mg/5 ml, Clamoxyl® u.a.) oder bei Penicillinallergie Erythromycin (Erythrocin® u.a.). Bei den 164 übrigen Kindern wurde ebenfalls ein Antibiotikum verschrieben, die
Eltern aber aufgefordert, dieses erst zu verabreichen, wenn nach 72 Stunden immer noch starke Ohrschmerzen bestünden. Der Verlauf wurde von den Behandelnden dokumentiert, die Eltern notierten täglich Symptome sowie die Verabreichung von Paracetamol. Mittels Fragebogen wurden auch die Sorgen und die Zufriedenheit der Eltern erfasst.

Ergebnisse

Etwa 40% der Kinder waren jünger als 3 Jahre. 24% der Kinder der «wait and see»-Gruppe erhielten schliesslich das Antibiotikum. Sofort Behandelte hatten weniger lange Ohrschmerzen (2,6 gegenüber 3,6 Tagen), weinten weniger (nur an 1,5 statt an 2,2 Tagen) und hatten auch signifikant weniger Nächte mit gestörtem Schlaf (1,6 gegenüber 2,4). Die Unterschiede betrafen vor allem die Zeit nach den ersten 24 Stunden. Bezüglich Schweregrad der Symptome,
Schmerzmittelbedarf und Schulabsenzen fanden sich keine signifikanten Unterschiede. In der Antibiotika-Gruppe trat häufiger Durchfall auf (19% gegenüber 9%). Die meisten Eltern beider Gruppen waren mit dem Vorgehen sehr zufrieden, in der «wait-and-see»-Gruppe war der Anteil aber etwas geringer (77% gegenüber 91%).

Schlussfolgerungen

Ein symptomatischer Nutzen einer sofortigen Verabreichung von Antibiotika betrifft hauptsächlich die Zeit nach den ersten 24 Stunden, wenn klinische Symptome und Schmerzen meist schon spontan abnehmen. Die «wait-and-see»-Strategie ist in der Praxis durchführbar, wird von den meisten Eltern gut akzeptiert und kann den Antibiotika-Verbrauch deutlich reduzieren.(AL)

Ziel der Behandlung einer akuten Otitis media ist das Verhindern von Komplikationen (z.B. Mastoiditis, Meningitis, Schwerhörigkeit usw.), die Verkürzung des Krankheitsverlaufs und insbesondere die Linderung von Schmerzen. Die Behandlung einer akuten Otitis media mit Antibiotika bei Kindern im Alter von über 2 Jahren wird seit Jahren kontrovers beurteilt. Bisher konnte nicht belegt werden, dass Antibiotika Komplikationen oder Rezidive verhindern oder auch nur die Schmerzen in den ersten 24 Stunden zu reduzieren vermögen. Die Verschreibung von Antibiotika zur
Behandlung einer meist selbstlimitierenden Erkrankung stärkt ausserdem den Glauben der Eltern, dass eine akute Otitis media unbedingt antibiotisch behandelt werden muss, was wiederum zu erneuten Konsultationen führt, mit dem Druck auf den Arzt, Antibiotika zu verschreiben. Leider hat auch der Einsatz der neuen neumokokken-Konjugat-Impfung die Erwartungen nicht erfüllt. In einer finnischen Studie wurde lediglich eine nicht-signifikante Reduktion von 6% aller (auch der nicht durch Pneumokokken bedingten) akuten Otitis media-Fälle erzielt.

Benedikt Holzer

1     Eskola J, Kilpi T, Palmu A et al. Efficacy of a pneumococcal conjugate vaccine against acute otitis media. N Eng J Med 2001 (8. Februar); 344: 403-9

 

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