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Johanniskraut: Alternative zu Trizyklika?

r -- Philipp M, Kohen R, Hiller KO. Hypericum extract versus imipramine or placebo in patients with moderate depression: randomised multicentre study of treatment for eight weeks. BMJ 1999 (11. Dezember); 319: 1534-9 [Link]
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infomed screen Jahrgang 4 (2000) , Nummer 2
Datum der Ausgabe: Februar 2000

Studienziele

Johanniskrautpräparate (Jarsin® u.a.) werden mit Erfolg bei leichten bis mittelschweren Depressionen eingesetzt. In den bisher vorliegenden Studien wurde Hypericum jedoch nicht gleichzeitig mit gebräuchlichen Antidepressiva und Placebo verglichen. Mit der vorliegenden Arbeit wurde versucht, diese Lücke zu schliessen.

Methoden

In diese deutsche Doppelblindstudie wurden 263 Personen mit einer mittelschweren Depression aufgenommen. 106 erhielten während acht Wochen 3mal täglich eine Kapsel eines Hypericumextrakts. 110 Personen wurde das trizyklische Antidepressivum Imipramin (Tofranil®) in einer Dosierung von 100 mg täglich verordnet, 47 erhielten Placebo. Die Medikamentenwirkung wurde u.a. mit der Depressions- und Angstskala nach Hamilton erfasst.

Ergebnisse

Unter der Behandlung nahmen die depressiven Symptome in allen Gruppen deutlich ab. Der Hamilton-Score war nach 8 Wochen unter Placebo um 12, unter Hypericumextrakt um 15 und unter Imipramin um 14 Punkte kleiner. Die Symptome nahmen bei 63% unter Placebo, bei 76% unter Hypericum und bei 67% unter Imipramin um mindestens die Hälfte ab. Gemäss der Selbstbeurteilung der Betroffenen besserte sich auch die Lebensqualität unter der aktiven Behandlung deutlich. Unter Imipramin klagte über ein Drittel der Behandelten über trockene Mundschleimhaut.

Schlussfolgerungen

Johanniskrautextrakt ist bei mittelschweren Depressionen ähnlich wirksam wie Imipramin in einer Tagesdosis von 100 mg. Unter Hypericum traten weniger Nebenwirkungen auf.

Die Untersuchung repliziert zwar die Wirksamkeit eines (einzelnen) Hypericum-Präparates in der ambulanten Behandlung leicht- bis mässiggradiger Depressionen; als Vergleichsstudie ist sie dagegen leider ungeeignet. Zunächst dürfte Imipramin allein heutzutage kaum mehr als – gerade auch praktisch relevante – repräsentative Referenzsubstanz gelten. Dann widerspricht die gewählte Niedrigdosierung von Imipramin allgemein anerkannten Behandlungsrichtlinien, was sich mit dem Hinweis auf eine selbst kritikwürdige, im vorliegenden Zusammenhang zudem überinterpretierte Metaanalyse1 nicht so einfach relativieren lässt. Schon dadurch bietet die Studie kaum Hilfestellung bei einer rationalen Differentialindikation. Beim praktischen Hypericum-Einsatz wäre zudem u.a. noch zu bedenken: Die verschiedenen verfügbaren Präparate dürften nach wie vor zu wenig standardisiert sein und zudem enthalten auch «natürliche» Medikamente aktive Wirksubstanzen mit einem entsprechenden Interaktionspotential.

Peter Zingg-Müller

1     Bollini P, Pampallona S, Tibaldi G et al. Effectiveness of antidepressants. Metaanalysisof dose-effect relationships in randomised clinical trials. Br J Psychiatry 1999(April); 174: 297-303

 

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