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Benzodiazepine keine idealen Schlafmittel

m -- Holbrook AM, Crowther R, Lotter A et al. Metaanalysis of benzodiazepine use in the treatment of insomnia. CMAJ 2000 (25. Januar); 162: 225-33 [Link]
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infomed screen Jahrgang 4 (2000) , Nummer 3
Datum der Ausgabe: März 2000

Studienziele

Obwohl bei Schlafstörungen empfohlen wird, die Ursachen zu beseitigen und nicht-medikamentöse Verfahren einzusetzen, werden sehr häufig Benzodiazepine verschrieben. Diese Metaanalyse versucht, Nutzen und Risiken der Benzodiazepine genauer zu definieren.

Methoden

In der «Medline»-Datenbank und der «Cochrane Library» wurden randomisierte Studien gesucht, in welchen in der Behandlung von Schlafstörungen Benzodiazepine mit anderen Therapien oder mit Placebo verglichen wurden.

Ergebnisse

45 Studien, die total 2‘672 Personen umfassten und durchschnittlich 12 Tage dauerten, erfüllten die Kriterien für diese Metaanalyse. Die am häufigsten verwendeten Benzodiazepine waren Triazolam (Halcion®), Flurazepam (Dalmadorm®) und Temazepam (Normison®). Neben Placebo diente in erster Linie Zopiclon (Imovane®) als Vergleichssubstanz. Da die Studien sehr unterschiedlich waren, konnte für die meisten Auswertungen jeweils nur ein Teil der Untersuchungen berücksichtigt werden. Im objektiven (polysomnographischen) Vergleich mit Placebo war die Schlaflatenz unter Benzodiazepinen nur minimal verkürzt (4 Studien), die Schlafdauer jedoch um etwa 1 Stunde verlängert (2 Studien). Subjektiv (Selbsteinschätzung) war die Einschlafzeit unter Benzodiazepinen im Mittel 14 Minuten kürzer (8 Studien), die Gesamtschlafdauer um 48 Minuten länger (8 Studien). Schwindel oder Benommenheit war nach Benzodiazepin-Einnahme rund doppelt so häufig wie nach Placebo. Verglichen mit Zopiclon war die Einschlafzeit unter Benzodiazepinen etwa gleich lang, die Schlafdauer rund 23 Minuten länger; die Nebenwirkungen unterschieden sich nicht signifikant. Auch die Wirkung von sedierenden Antihistaminika war ähnlich wie diejenige der Benzodiazepine. In einer Studie war ein Vergleich mit Verhaltenstherapie durchgeführt worden. Hier führte das Benzodiazepin (Triazolam) am Anfang zu kürzeren Einschlafzeiten; nach 2 Wochen begann sich diese Wirkung aber zu verlieren – im Gegensatz zur Verhaltenstherapie, die auch nach 9 Wochen noch als wirksam eingestuft wurde.

Schlussfolgerungen

Benzodiazepine verlängern wohl die Schlafdauer, sie haben aber auch bei kurzfristigem Einsatz häufig unerwünschte Wirkungen. Nicht-pharmakologische Interventionen sollten deshalb in weiteren Studien geprüft werden.

Metaanalysen sind sicher wichtige Evidenzquellen: Die «Homogenisierung der Heterogenität» ist aber nicht immer ganz einfach und bisweilen lassen die Ergebnisse eine gewisse Ratlosigkeit zurück. Neben anderen mögen sich die folgenden Fragen stellen: Ist die Datenbasis wirklich breit genug, wenn für einzelne Fragestellungen gerade noch drei bis vier (vorwiegend kleine) Studien verfügbar sind? Ist der Einbezug von Benzodiazepinen mit längeren (bis langen) Halbwertszeiten gerade im Zusammenhang mit der Evaluation nachhaltigerer Nebenwirkungen sinnvoll? Sind polysomnogra-phische Messwerte wirklich praxisrelevant? Eine Folgerung bleibt jedoch weiterhin zutreffend: Bei primären Insomnien primär nicht-pharmakologische Massnahmen! Diese Aussage lässt sich allerdings nicht direkt aus der vorliegenden Analyse ableiten: «Additional studies ... would be valuable.»

Peter Zingg-Müller

 

Standpunkte und Meinungen

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