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Familienanamnese für Krebs wichtig

m -- Murff HJ, Spigel DR, Syngal S. Does this patient have a family history of cancer? An evidence-based analysis of the accuracy of family cancer history. JAMA 2004 (22./29. September; 292: 1480-9) [Link]
Zusammengefasst von: Marcel Zwahlen
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infomed screen Jahrgang 9 (2005) , Nummer 1
Datum der Ausgabe: Januar 2005

Hintergrund
Wenn in der Familie bestimmte Krebserkrankungen vorgekommen sind, so ist eine Person vermehrt gefährdet, ebenfalls an Krebs zu erkranken. Entscheide über Krebs-Vorsorge- Untersuchungen und genetische Abklärungen werden oft aufgrund der Familienanamnese getroffen. In dieser Übersicht wurde die Zuverlässigkeit der Familienanamnese im Zusammenhang mit Krebs anhand publizierter Studien untersucht.

Methoden
Es wurde eine systematische Sichtung der englischsprachigen Literatur der Jahre 1966 bis 2004 durchgeführt. Von Interesse waren Studien, in denen familienanamnestische Angaben der Untersuchten mit den Krankengeschichten, Totenscheinen oder Einträgen in Krebsregistern verglichen wurden. Berechnet wurden Sensitivität, Spezifität und die positive und negative Aussagekraft («Likelihood Ratio») einer positiven oder negativen Familienanamnese.

Ergebnisse
14 Studien erfüllten die Einschlusskriterien. Für Personen ohne eigene Krebserkrankung, die über ein Kolonkarzinom bei Verwandten ersten Grades berichteten, wurde in drei Studien eine Sensitivität von 53 bis 86% und eine Spezifität zwischen 92 und 99% gefunden. Aus diesen drei Studien errechnete sich eine positive «Likelihood Ratio» von 23, d.h. die Angabe eines Kolonkarzinoms erhöhte die Wahrscheinlichkeit um das 23-fache, dass tatsächlich ein Verwandter ersten Grades an einem Kolonkarzinom erkankt war. Die negative «Likelihood Ratio» betrug 0,25, d.h. wenn kein Kolonkarzinom bekannt war, betrug die Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung bei Verwandten noch ein Viertel. Ähnliche Werte fand eine der Studien auch für Brustkrebs und Prostatakarzinom, die Resultate weisen allerdings breite Vertrauensintervalle auf. Eine kleinere Sensitivität fand sich für Ovarial- und Endometriumkarzinome, die nur von einer Minderheit der Untersuchten korrekt angegeben worden waren. Die Zuverlässigkeit der Familienanamnese war besser für Verwandte ersten Grades als für Verwandte zweiten Grades und war weniger gut bei älteren Personen.

Schlussfolgerungen
Die von den Untersuchten erhobene Familienanamnese bezüglich einer Krebserkrankung bei Verwandten ersten Grades weist für Kolon- und Mammakarzinome eine gute Zuverlässigkeit auf und ist somit nützlich für die Abschätzung des Krebsrisikos. Eine negative Familienanamnese für Ovarial- und Endometriumskarzinome erweist sich hingegen als wenig verlässlich.

Zusammengefasst von Marcel Zwahlen

Die Erhebung der Familienanamnese ist eine auf der ganzen Welt anwendbare Niedrigtechnologiemethode zur Identifizierung von Menschen mit hohen Krankheitsrisiken. Die Gesundheitsbehörden der USA haben den Tag des Erntedankfestes (Thanksgiving Day) zum «National Family History Day» erklärt.1

Wie soll man in der Praxis vorgehen? Zuerst alle Verwandten ersten Grades auflisten: Eltern, Geschwister und Kinder. Danach listen Sie die schweren Krankheiten auf, die diese Personen hatten, sowie jeweils das Erkankungsalter. Bei den Verstorbenen fügen Sie Alter und Ursache des Todes hinzu. Erweitern Sie die Angaben auf Grosseltern, Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen und eventuell weitere Angehörige. Verwandte können helfen, vor allem weibliche, denn sie wissen oft besser Bescheid als die Männer. Gestalten Sie ein entsprechendes Erhebungsblatt, geben Sie es ihren Patientinnen und Patienten mit nach Hause und besprechen Sie Gesundheitsrisiken und präventive Massnahmen anlässlich der nächsten Konsultation.

Walter Weber

1. Guttmacher AE, Collins FS and Carmona RH. The family history – more important than ever. N Engl J Med 2004 (25. November); 351: 2333 -6

 

Standpunkte und Meinungen

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