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Knorpelderivat gegen Gonarthrose?

r -- Reginster JY, Deroisy R, Rovati L et al. Long-term effects of glucosamine sulphate on osteoarthritis progression: a randomised, placebo-controlled clinical trial. Lancet 2001 (27. Januar); 357: 251-6 [Link]
Kommentiert von: Etzel Gysling
infomed screen Jahrgang 5 (2001) , Nummer 4
Datum der Ausgabe: April 2001

Studienziele

Glucosaminsulfat (in der Schweiz nicht erhältlich) ist das Derivat eines natürlichen Knorpelbestandteils. Obwohl in einzelnen Studien eine symptomlindernde Wirkung von Glucosaminsulfat gezeigt werden konnte, ist die Wirksamkeit der Substanz noch umstritten. In dieser Studie sollte die Langzeitwirkung von Glucosaminsulfat auf den Verlauf einer Gonarthrose untersucht werden.

Methoden

In die Studie aufgenommen wurden Personen, die über 50 Jahre alt waren und die wegen einer leichten bis mittelschweren Gonarthrose ambulant am Universitätsspital Lüttich (Belgien) behandelt wurden. Diese erhielten während 3 Jahren doppelblind entweder täglich 1'500 mg Glucosaminsulfat per os oder Placebo. Primär wurden Veränderungen der mit einem automatisierten Verfahren bestimmten durchschnittlichen Breite des Gelenkspaltes im medialen Teil des tibiofemoralen Gelenkes und Veränderungen des Arthrosesymptom-Index WOMAC (Western Ontario and McMaster Universities) erfasst.

Ergebnisse

Von je 106 initial in die beiden Gruppen aufgenommenen Personen blieben in der Placebogruppe 71 und in der aktiv behandelten Gruppe 68 bis zum Ende in der Studie. Werden alle Personen berücksichtigt («intention-to-treat»-Methode), so ergab sich während der Studie unter Placebo eine durchschnittliche Abnahme des mittleren Gelenkspaltes um 0,31 mm, unter Glucosaminsulfat jedoch nur um 0,06 mm. Nicht nur dieser Unterschied ist signifikant, sondern auch der unterschiedliche Verlauf des WOMAC-Index: unter Placebo nahm der Symptom-Score um 10% zu, unter Glucosaminsulfat jedoch um 12% ab. Eine Analyse, die sich auf die Personen beschränkt, die die Studie vollendeten, zeigt noch etwas bessere Ergebnisse für Glucosaminsulfat. Bei den unerwünschten Wirkungen zeigte sich in den beiden Gruppen kein Unterschied.

Schlussfolgerungen

Mit einer Glucosaminsulfat-Behandlung während 3 Jahren lassen sich die Symptome und röntgenologisch fassbaren Gelenkveränderungen bei einer Gonarthrose vorteilhaft beeinflussen. Ob die beobachteten Wirkungen klinisch auch längerfristig günstige Konsequenzen haben, kann noch nicht gesagt werden.(PG)

Selbst wenn in der Schweiz ein Glucosaminsulfat-Präparat verfügbar wäre, würde mich die vorliegende Studie nicht dazu animieren, dieses Knorpelpräparat in der Praxis einzusetzen. Trotz scheinbar «korrektem» Design lässt die Studie noch zu viele Fragen offen, zum Beispiel: Von welcher Tierart stammt der Knorpel, der für die Herstellung von Glucosaminsulfat verwendet wurde? Welche Art von Placebo wurde eingesetzt? Weshalb wurden mit einem aufwändigen Verfahren Unterschiede in der Grössenordnung von Hundertsteln von Millimetern gemessen, das Körpergewicht aber offenbar vernachlässigt? Ich kann mich deshalb kaum des Eindrucks erwehren, dass hier die Industrie einmal mehr intensiv auf «positive» Ergebnisse hin gearbeitet hat.

Etzel Gysling

 

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Knorpelderivat gegen Gonarthrose? (April 2001)
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