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Atypische Neuroleptika nicht immer überlegen

m -- Geddes J, Freemantle N, Harrison P et al. Atypical antipsychotics in the treatment of schizophrenia: systematic overview and meta-regression analysis. BMJ 2000 (2. Dezember); 321: 1371-6 [Link]
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infomed screen Jahrgang 5 (2001) , Nummer 2
Datum der Ausgabe: Februar 2001

Studienziele

Zur Behandlung der Schizophrenie stehen heute neben den alten Neuroleptika auch neue Substanzen zur Verfügung. Sie werden als atypische Neuroleptika bezeichnet, weil sie sich in einigen Eigenschaften von den herkömmlichen Neuroleptika unterscheiden. In dieser systematischen Übersicht wurde untersucht, ob die neuen Neuroleptika gegenüber den alten Vorteile bieten.

Methoden

Es wurden 52 Studien zusammengestellt, in denen – mit wenigen Ausnahmen im Doppelblindverfahren – bei insgesamt über 12‘500 Schizophreniekranken ein neues Neuroleptikum mit einem alten verglichen worden war. Die meisten Studien hatten mit einer medianen Beobachtungszeit von 6 bis 7 Wochen relativ kurz gedauert; nur fünf Studien hatten sich über mindestens ein Jahr erstreckt. Unter den atypischen Neuroleptika war Clozapin (Leponex®) am meisten verwendet worden; daneben fanden sich Daten zu Amisulprid (Solian®), Olanzapin (Zyprexa®), Quetiapin (Seroquel®), Risperidon (Risperdal®) sowie Sertindol (wegen kardialer Nebenwirkungen mittlerweile zurückgezogen). Bei den alten Neuroleptika hatte Haloperidol (Haldol® u.a.) am häufigsten als Vergleichssubstanz gedient.

Ergebnisse

Global gesehen wurden Krankheitssymptome mit den neuen Neuroleptika besser gemindert als mit den alten; auch der Prozentsatz der Personen, die eine Studie vorzeitig beendeten, war bei den neuen Neuroleptika geringer. Wenn man nach der Dosis des alten Neuroleptikums unterteilte, mit der das neue Neuroleptikum verglichen worden war, zeichnete sich ein differenzierteres Bild, wie am Beispiel von Haloperidol illustriert wurde. Der Vorteil der neuen Neuroleptika bezog sich nämlich nur auf die Studien, in denen man eine Haloperidol-Dosis von mehr als 12 mg/Tag gewählt hatte. Lag die Haloperidol-Dosis bei höchstens 12 mg/Tag, was als optimaler Dosisbereich betrachtet wird, liess sich hinsichtlich Wirksamkeit und Therapieabbrüchen zwischen den neuen Neuroleptika und Haloperidol kein signifikanter Unterschied erkennen; Haloperidol verursachte zwar mehr extrapyramidale Nebenwirkungen, doch traten bei den neuen Neuroleptika an deren Stelle andere Nebenwirkungen, die zu Therapieabbrüchen führten. Soweit aus dieser Übersicht ableitbar, erwiesen sich die neuen Neuroleptika untereinander als gleichwertig.

Schlussfolgerungen

In einer niedrigen bis mittleren Dosis eingesetzt, gehören die älteren Neuroleptika nach wie vor zu den Standardmedikamenten in der Behandlung der Schizophrenie. Die atypischen Neuroleptika erweitern die therapeutischen Optionen, besonders wenn ältere Substanzen ungenügend wirken oder extrapyramidale Symptome verursachen.(UM)

Die Studie hält, auch aus methodischen Gründen, einem zweiten Blick nicht stand: Atypische Neuroleptika dürfen weiterhin, wohl gerade auch aus Sicht der Kranken, als erste Wahl gelten! Abgesehen davon, dass Metaanalysen klinisch differenzierende Unterschiede zu homogenisieren neigen, wird u.a. die effektive Bedeutung extrapyramidaler Nebenwirkungen kürzer- wie längerfristig zu wenig gewichtet und bleiben auch andere relevante Bereiche (wie kognitive Beeinträchtigungen), in welchen sich doch Vorteile der neuen Neuroleptika abzeichnen, unberücksichtigt.
Vielleicht auch etwas verkürzt, trotzdem: Als einzig relevante (negative) Signifikanz bleibt der nicht unerhebliche Preisunterschied.

Peter Zingg-Müller

 

Standpunkte und Meinungen

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Atypische Neuroleptika nicht immer überlegen (Februar 2001)
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