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Höheres Herzinfarktrisiko bei Frauen mit Diabetes

m -- Lee WL, Cheung AM, Cape D et al. Impact of diabetes on coronary artery disease in women and men: A meta-analysis of prospective studies. Diabetes Care 2000 (Juli); 23: 962-8 [Link]
Kommentiert von: Peter Diem
infomed screen Jahrgang 4 (2000) , Nummer 8
Datum der Ausgabe: September 2000

Studienziele

Die koronare Herzkrankheit ist bei Männern im Durchschnitt doppelt so häufig Todesursache wie bei Frauen. Bei Personen mit Diabetes mellitus findet man diese Differenz nicht, was schliessen lässt, dass diabeteskranke Frauen ein besonderes Risiko einer koronaren Herzkrankheit aufweisen. In dieser Metaanalyse wurde deshalb zusammengestellt, wie hoch das Risiko einer koronaren Herzkrankheit bei Diabetikerinnen und Diabetikern ist.

Methoden

Die Daten für diese Metaanalyse lieferten prospektive Kohortenstudien, in denen bei Diabeteskranken und bei Kontrollgruppen die Zahl der Todesfälle infolge koronarer Herzkrankheit verglichen worden war. Daraus wurde das relative Risiko für Frauen und Männer berechnet. Die Details zu den Todesfällen stammten aus Todesbescheinigungen, Krankengeschichten der Spitäler oder von Angaben der Angehörigen.

Ergebnisse

Von 16 Studien, die in Frage kamen, lieferten 10 genügend Angaben, um für die Metaanalyse berücksichtigt zu werden. Im Einzelnen hatten diese 10 Studien 4 bis 36 Jahre gedauert und erwachsene Personen jeglichen Alters einbezogen. Mehrheitlich war nicht erwähnt, ob die Diabetestherapie aus Insulin, oralen Antidiabetika oder lediglich einer Diät bestanden hatte. Die Metaanalyse ergab Folgendes: Diabeteskranke Frauen haben gegenüber Frauen ohne Diabetes ein 2,4- bis 2,6mal höheres Risiko, an einer koronaren Herzkrankheit zu sterben; bei diabeteskranken Männern steigt das Risiko auf das 1,8- bis 1,9fache. Dieser Unterschied zwischen Frauen und Männern ist statistisch signifikant.

Schlussfolgerungen

Bei Diabetes kehrt sich der Geschlechtsunterschied um, den man sonst bei der koronaren Herzkrankheit beobachtet, indem die Mortalität bei diabeteskranken Frauen wesentlich höher ist als bei Männern. Ob dieser Unterschied darauf beruht, dass die Frauen mit Diabetes eher an koronarer Herzkrankheit erkranken als die Männer oder dass sie eher daran sterben, ist nicht klar.

Während Jahrzehnten wurde die koronare Herzkrankheit (KHK) als Krankheit des Mannes mittleren Alters betrachtet und zahlreiche Studien zu Epidemiologie und Therapie der KHK schlossen nur Männer ein. Erst in den letzten Jahren hat sich das Interesse auch der KHK beim weiblichen Geschlecht zugewandt. Neben dem Einfluss der Kontrazeption und der Hormonersatztherapie auf das Risiko einer KHK war dabei die Feststellung, dass der Diabetes mellitus gewissermassen «den Schutz des weiblichen Geschlechts» aufhebt, von besonderem Interesse. Ich selber habe in mehreren Vorträgen darauf hingewiesen, dass der Einfluss des Diabetes mellitus auf das kardiovaskuläre Risiko bei Frauen grösser sei als bei Männern und war dann etwas verunsichert, als ich feststellte, dass nicht alle publizierten Studien dies auch tatsächlich belegen. Die vorliegende Metaanalyse schafft diesbezüglich Klarheit und zeigt, dass der Einfluss des Diabetes mellitus auf das relative Risiko einer KHK bei Frauen signifikant höher ist als bei Männern.

Wozu nützen uns diese Kenntnisse? Zum einen müssen wir unsere Abklärungs- und Behandlungsstrategien zur KHK überprüfen. Zum anderen dürfte diese Tatsache für die Pathogenese der KHK und den Einfluss des Diabetes mellitus auf eine KHK von grösster Bedeutung sein. Möglicherweise ist damit diese Metaanalyse für die Grundlagenforscher bedeutender als für die Kliniker!

 

Standpunkte und Meinungen

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