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Askese hilft dem Herz

r -- Ornish D, Scherwitz LW, Billings JH et al. Intensive lifestyle changes for reversal of coronary heart disease. JAMA 1998 (16. Dezember); 280: 2001-7 [Link]
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infomed screen Jahrgang 3 (1999) , Nummer 2
Datum der Ausgabe: Februar 1999

Studienziele

Im «Lifestyle Heart Trial»1 konnte nachgewiesen werden, dass einschneidende Änderungen der Lebensgewohnheiten während eines Jahres zu einer Reduktion des durchschnittlichen Stenosegrades der Koronararterien führte. Auch waren pektanginöse Anfälle um 91% und das LDL-Cholesterin um 37% gegenüber den Ausgangswerten gesenkt. In der vorliegenden Fortsetzungsstudie wurden die Auswirkungen intensiv geänderter Gewohnheiten während weiterer 4 Studienjahre untersucht.

Methoden

Von ursprünglich 193 geeigneten Männern und Frauen wurden 28 Personen einer Interventions- und 20 einer Kontrollgruppe zugewiesen. Sie wiesen alle eine mittels quantitativer Koronararteriographie objektivierte mittel- bis hochgradige koronare Herzkrankheit auf. In der Interventionsgruppe wurde eine intensive Änderung der Lebensgewohnheiten angestrebt: vegetarische Ernährung mit einem Fettanteil von 10%, gesteigerte körperliche Aktivität, Nikotinstop, Praktiken zur Stressbewältigung und psychosoziale Unterstützung. Die Personen der Kontrollgruppe wurden von ihren Hausärzten betreut. Bei Studienende wurde erneut eine quantitative Koronarangiographie zur Ermittlung des durchschnittlichen Stenosegrades durchgeführt (primärer Endpunkt). Mittels eines Punktesystems wurde abgeschätzt, wie stark sich die Probandinnen und Probanden am Interventionsprogramm beteiligten. Weiter wurden die Auswirkungen sowohl auf die Lipide als auch auf die Angina pectoris und die kardialen Ereignisse bestimmt.

Ergebnisse

20 von 28 Personen der Interventions- und 15 von 20 der Kontrollgruppe blieben bis zum Ende der Studie. In der Interventionsgruppe war die Bereitschaft zu Änderungen der Lebensgewohnheiten auch nach 5 Jahren signifikant höher als in der Kontrollgruppe. Gegenüber der Ausgangssituation nahm das Ausmass der koronaren Stenosen über 5 Jahre in der Interventionsgruppe um 3,1% ab, stieg dagegen in der Kontrollgruppe um 11,8% an. In der Interventionsgruppe wurden gegenüber der Kontrollgruppe 2,5mal weniger kardiale Ereignisse – Herzinfarkte, koronarchirurgische Eingriffe usw. – registriert. In der Interventionsgruppe sank das LDL-Cholesterin um 20%, obwohl keine lipidsenkenden Medikamente eingesetzt wurden.

Schlussfolgerungen

Eine radikale Änderung der Lebensgewohnheiten über 5 Jahre führte bei Personen mit koronarer Herzkrankheit zu einer signifikanten Regression der Koronar-Atherosklerose. Im Gegensatz dazu wurden in der Kontrollgruppe eine kontinuierliche Zunahme der Atherosklerose und mehr als doppelt so viele kardiale Ereignisse festgestellt.  

Methodisch wurde diese Studie sorgfältig konzipiert und durchgeführt. Zu bemängeln ist, dass von den ursprünglich ausgewählten Patienten schliesslich nur 25% in die Studie aufgenommen wurden. In diesem Zusammenhang stellt sich wie immer die Frage, wie weit die Resultate einer stark selektionierten Studienpopulation auf ein normales Praxiskollektiv zu übertragen sind. Zu berücksichtigen ist ebenfalls, dass nur 3 Frauen (alle in der Kontrollgruppe) die Studie beendeten. Die Resultate der Fortsetzung des «Lifestyle Heart Trial» sind beeindruckend: In der Interventionsgruppe waren kardiale Ereignisse wesentlich seltener und die LDL-Cholesterin-Senkung lag im Bereich der heutigen medikamentösen Möglichkeiten. Die Häufigkeit einer Angina pectoris wurde ebenfalls in einem Ausmass gesenkt, wie dies sonst nur durch revaskularisierende Massnahmen zu erreichen ist. Neu ist ebenfalls die Tatsache, dass durch eine alleinige, intensive Beeinflussung der Lebensgewohnheiten ohne Einsatz von Lipidsenkern eine Regression der Koronaratheromatose dokumentiert werden konnte. Es muss vorderhand offen bleiben, ob durch die zusätzliche Verabreichung von Statinen dieses Resultat noch günstiger ausgefallen wäre. Diese Studie zeigt einerseits unmissverständlich Richtung Eigenverantwortung des Patienten, andererseits fordert sie von den praktizierenden Ärzten eine integralere und phantasievollere Sichtweise der Sekundärprävention.

Werner Eugster

1 Ornish D, Brown SE, Scherwitz LW et al. Can lifestyle changes reverse coronary heart disease? The Lifestyle Heart Trial. Lancet 1990; 336: 129-33

 

Standpunkte und Meinungen

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