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Negative Studienresultate sind schwer zu akzeptieren

a -- Tatsioni A, Bonitsis NG, Ioannidis JP. Persistence of contradicted claims in the literature. JAMA 2007 (5. Dezember); 298: 2517-26 [Link]
Zusammengefasst von: Peter Ritzmann
infomed screen Jahrgang 12 (2008) , Nummer 2
Datum der Ausgabe: März 2008

In Beobachtungsstudien erscheinen Interventionen manchmal als nützlich, obwohl sie es in Wirklichkeit gar nicht sind. Bekanntestes Beispiel dafür ist wohl die Hormon- Ersatztherapie bei asymptomatischen Frauen in der Postmenopause. Andere Beispiele, bei denen randomisierte Studien einen vermuteten Nutzen nicht bestätigen konnten, sind Beta- Carotin- oder Vitamin E-Präparate, die Krebs- oder Kreislauferkrankungen verhindern sollten. Die Autorin und die Autoren dieser Studie untersuchten, wie lange nach dem Erscheinen von randomisierten Studien ein widerlegter Nutzen von bestimmten Interventionen in der medizinischen Literatur noch mit früheren, weniger aussagekräftigen Beobachtungsstudien verteidigt wird.

Für Vitamin E beurteilten noch im Jahr 2005 die Hälfte der medizinischen Artikel, die zwei grössere Beobachtungsstudien aus dem Jahr 1993 zitierten, den Nutzen von Vitamin EPräparaten positiv bezüglich Verhinderung von kardiovaskulären Ereignissen, obwohl die meistzitierte randomisierte Studie (HOPE) im Jahr 2000 einen relevanten Nutzen widerlegt hatte. Neuere Artikel und solche, die auch die HOPEStudie zitierten, tendierten zu einer weniger positiven Beurteilung. Ähnliches fand sich auch für Artikel, die noch 2006 eine krebsverhindernde Wirkung von Beta-Carotin auf Grund einer epidemiologischen Übersichtsarbeit aus dem Jahr 1981 postulierten (10 Jahre nach Publikation einer negativen randomisierten Studie). Ebenfalls im Jahr 2006 wurden noch Artikel publiziert, die von einem präventiven Nutzen von Östrogenen bezüglich Demenzerkrankungen ausgingen (zwei Jahre nach Publikation einer negativen randomisierten Studie).

Was wir bei uns selbst beobachten können, wird in dieser Studie mit Zahlenmaterial unterlegt: negative Studienergebnisse sind schwer zu akzeptieren, besonders wenn sie Interventionen betreffen, von deren Wirksamkeit wir zuvor überzeugt waren. Auch wenn der Glaube an die Wirksamkeit auf wenig geeigneten Daten beruhte, tendieren wir wohl alle mehr oder weniger dahin, unseren Glauben an einen Nutzen zu verteidigen und nach Gründen zu suchen, weshalb die frühere Evidenz doch näher bei der Wahrheit sein könnte als ein «unpassendes» negatives Studienergebnis.

 Zusammengefasst von Peter Ritzmann

 

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Negative Studienresultate sind schwer zu akzeptieren (März 2008)
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