-->

Bei Konjunktivitis Antibiotika verzögert einsetzen

  • r -- Everitt HA, Little PS, Smith PW. A randomised controlled trial of management strategies for acute infective conjunctivitis in general practice. BMJ 2006 (12. August); 333: 321-6 [Link]
  • Zusammengefasst von:
  • Kommentiert von: 
  • infomed screen Jahrgang 10 (2006) , Nummer 10
    Datum der Ausgabe: Oktober 2006

Studienziele
In der Praxis werden infektiöse Konjunktivitiden häufig mit lokalen Antibiotika behandelt, obwohl die Krankheit meistens selbstlimitierend ist und die Erreger in mindestens der Hälfte der Fälle Viren sind. In dieser Studie wurde untersucht, ob mit einer verzögerten Antibiotikagabe die Heilung nicht verzögert wird und der Antibiotikaverbrauch vermindert werden kann.

Methoden
Es wurden Leute in die Studie aufgenommen, die sich in 30 Grundversorgerpraxen in England wegen einer akuten Konjunktivitis behandeln liessen. Die Patientinnen und Patienten wurden nach dem Zufall offen in eine von 3 Gruppen eingeteilt: Die erste Gruppe erhielt sofort Chloramphenicol- Augentropfen (in der Schweiz kein Monopräparat erhältlich). Der zweiten Gruppe wurde empfohlen, die Chloramphenicol- Augentropfen bei Bedarf nach 3 Tagen abzuholen. Die dritte Gruppe diente als Kontrollgruppe und erhielt primär keine Antibiotika. In jeder Gruppe erhielt eine Hälfte eine Informationsbroschüre über das Krankheitsbild und bei je einer Hälfte wurde ein Abstrich entnommen. Die Angaben über die Beschwerden und die Einschätzung des Nutzens der antibiotischen Therapie wurden mittels Fragebogen erhoben.

Ergebnisse
Der Schweregrad der Symptome während der drei ersten Tage war in allen Gruppen gleich. Mittelschwere Symptome dauerten bei verzögerter Antibiotikagabe einen halben und ohne Antibiotika anderthalb Tage länger als bei sofortiger Antibiotikagabe; nach 10 Tagen bestand kein Unterschied mehr. Der Antibiotikaeinsatz betrug bei der ersten Gruppe mit sofortiger Abgabe 99%, bei verzögerter Abgabe 53% und in der Kontrollgruppe 30%. Auch der Nutzen der Antibiotikabehandlung wurde in der ersten Gruppe am höchsten beurteilt. Eine erneute Konsultation wegen einer Augeninfektion innerhalb eines Jahres fand in der ersten Gruppe in 68%, in den andern in 41% und 40% statt. Die Abgabe der Informationsbroschüre und die Entnahme eines Abstriches hatten keinen messbaren Einfluss auf die Hauptresultate.

Schlussfolgerungen
Die verzögerte Abgabe von antibiotikahaltigen Augentropfen ist wahrscheinlich die beste Strategie für Grundversorger bei akuter Konjunktivitis. Die Symptome und Dauer der Entzündung sind nicht wesentlich verschieden gegenüber der sofortigen Antibiotikagabe, der Antibiotikaverbrauch beträgt etwa die Hälfte und Folgekonsultationen wurden erheblich verringert. Werden primär keine Antibiotika angeboten, dauern die Symptome doch etwas länger und relativ häufig werden dann doch noch Antibiotika eingesetzt.

Zusammengefasst von Peter Koller

Nicht nur in der hausärztlichen Praxis werden immer noch zu viele Antibiotikaverordnungen ausgestellt für Patientinnen und Patienten, deren Infektionen auch ohne eine solche Behandlung heilen würden. In dieser Situation ist die vorliegende Untersuchung ein weiterer willkommener Baustein in einer Reihe von Artikeln, welche die Vorteile einer verzögerten Antibiotikatherapie bei bakteriellen Infektionen zeigt. Die früheste Studie dieser Art wurde bereits 1997 von Paul Little (heute Professor für Allgemeinmedizin an der University of Southampton) im British Medical Journal publiziert1 und 2004 erschien eine Cochrane-Review2 – beide bezogen sich allerdings nur auf respiratorische Infekte.

Allerdings sollte man auch bei diesem Papier einige kritische Aspekte im Auge behalten. So wurden von 1’420 Kranken, die sich mit bakterieller Konjunktivitis bei ihrem Hausarzt vorstellten, lediglich 425 vom Arzt oder Praxishelferin angesprochen und schliesslich nur 307 randomisiert. Hinzu kommt, dass das Design zwar eine Randomisierung, aber keine Verblindung vorsah (das hätte den Aufwand massiv erhöht).

Ob man diese Resultate so ohne weiteres in die eigene Praxis übertragen kann? Kollegen und Kolleginnen, die schon einmal brennenden Schmerz und Fremdkörpergefühl im eigenen Auge verspürt haben, mögen sich auch fragen, ob man allen Betroffenen einen guten halben Tag zusätzlicher Beschwerden zumuten darf (mittlerer Unterschied «mässiger» Augensymptome zwischen den Gruppen mit sofortiger versus verzögerter Antibiotikagabe).

Ich sehe ein weiteres, allerdings «paramedizinisches» Problem: Die Kranken in der verzögerten Gruppe durften die Rezepte frühestens nach Ablauf von drei Tagen aus der Praxis abholen. Für mich (der ich einige Jahre in den USA und in Grossbritannien gearbeitet habe) lässt sich dieser «sanfte Zwang» auch bei optimistischer Grundhaltung nicht im hiesigen hausärztlichen Bereich praktizieren. Ich vermute, dass mir die meisten Behandelten, die nicht gerade in unmittelbarer Nachbarschaft zur Praxis wohnen, auf den Hut steigen würden, wenn ich ihnen das Rezept für drei Tage sperren würde. Erfolgreich ausprobiert habe ich hingegen, Kranken die Verordnung mit der Massgabe auszuhändigen, sie sollten es nur dann einlösen, wenn es mit dem Infekt «schlimm» werde. Die Gesprächsdauer für dieses Vorgehen sollte allerdings nicht unterschätzt werden!

Neben der verminderten Konsultationsrate zeigt sich bei dieser Studie – erneut – der in meinen Augen vielleicht noch wichtigere Vorteil, dass die «verzögerte» Rezeptabgabe zu einer verminderten Besorgnis der Behandelten führte. Die geneigten Leserinnen und Leser mögen sich noch an die Jahre erinnern, als fast niemand mit einem Virusinfekt ohne Antibiotikaverordnung die Praxis verliess. Damals haben wir eigenhändig die Grundlagen für den (Irr-)Glauben geschaffen, dass solche Arzneimittel für die Linderung oder gar Heilung einer Infektion unabdingbar seien. Die guten, alten Zeiten ...


Michael M. Kochen

1     Little P, Gould C, Williamson I et al. BMJ. Reattendance and complications ina randomised trial of prescribing strategies for sore throat: the medicalising effect ofprescribing antibiotics. 1997 (9. August); 315: 350-2
2     Spurling GK, Del Mar CB, Dooley L et al. Delayed antibiotics for symptomsand complications of respiratory infections. Cochrane Database Syst Rev. 2004 (18.Oktober): CD004417

Standpunkte und Meinungen
  • Es gibt zu diesem Artikel keine Leserkommentare.
infomed-screen 10 -- No. 10
Copyright © 2021 Infomed-Verlags-AG
Bei Konjunktivitis Antibiotika verzögert einsetzen (Oktober 2006)