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Fluoxetin ohne Wirkung bei Magersucht

  • r -- Walsh BT, Kaplan AS, Attia E et al. Fluoxetine after weight restoration in anorexia nervosa: a randomized controlled trial. JAMA 2006 (14. Juni); 295: 2605-12 [Link]
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  • infomed screen Jahrgang 10 (2006) , Nummer 8
    Datum der Ausgabe: August 2006

Studienziele
Sehr viele Patientinnen mit einer Magersucht werden mit selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmern (SSRI) behandelt. Deren Wirkung wird in verschiedenen Studien kontrovers beurteilt. In dieser grösseren Doppelblindstudie wurde während eines Jahres die Wirkung von Fluoxetin (Fluctine® u.a.) auf die Rückfallquote nach Erreichen des Normalgewichtes untersucht.

Methoden
An zwei Kliniken in New York und in Toronto wurden 93 Anorexie-Patientinnen in die Studie aufgenommen, die während einer stationären oder halbstationären Behandlung einen Körper-Massen-Index von mindestens 19 erreicht hatten. Alle wurden ambulant weiterbehandelt mit einer kognitiven Verhaltenstherapie und erhielten nach dem Zufall Fluoxetin oder Placebo. Die Fluoxetin-Tagesdosis wurde während einer Woche von 20 mg auf 60 mg erhöht, später bei unerwünschten Wirkungen eventuell reduziert oder bei Bedarf auf maximal 80 mg erhöht. Als Rückfall galt ein erneuter Gewichtsverlust auf einen Körper-Massen-Index unter 16,5 oder das Auftreten anderer schwerer psychiatrischer oder somatischer Komplikationen.

Ergebnisse
Von den 93 Teilnehmerinnen erhielten 49 Fluoxetin und 44 Placebo. Während der einjährigen Beobachtungsdauer fanden sich keine signifikanten Unterschiede bezüglich Rückfällen zwischen den Gruppen. In beiden Gruppen erlitten jeweils 10 Patientinnen einen Rückfall: in der Fluoxetingruppe 6, in der Placebogruppe 7 mit Gewichtsverlust, wegen einer Depression 3 bzw. 2 und je 1 wegen eines Suizidversuchs. 15 bzw. 18 Teilnehmerinnen beendeten die Studie vorzeitig aus anderen Gründen, viele aus Unzufriedenheit mit der Therapie. 27% Patientinnen der Fluoxetin- und 32% der Placebogruppe beendeten die Studie mit einem Körper-Massen-Index von mindestens 18,5. Auch die Zeit bis zu einem Rückfall und das psychische Befinden am Ende der Studie waren in den beiden Gruppen nicht signifikant verschieden.

Schlussfolgerungen
In dieser Studie ergab sich kein Vorteil von Fluoxetin über Placebo zur Rückfallprophylaxe bei einer Magersucht. Neue psychologische und pharmakologische Therapieansätze sollten untersucht werden.

Zusammengefasst von Peter Koller

Die Studie zeigt mit grosser Akribie, vielen psychometrischen Messungen und statistischen Auswertungen, dass Fluoxetin in der hohen, für Bulimie empfohlenen Dosis von durchschnittlich über 60 mg/Tag keine signifikante Wirkung hat auf den Verlauf einer Anorexia nervosa im Jahr nach der Normalisierung des Gewichts. Es erstaunt, dass das hier auch so ist für die Untergruppe von Patientinnen mit der bulimischen Form der Anorexie, da die Wirkung von Fluoxetin bei der Bulimie recht gut nachgewiesen ist. Fluoxetin hat in dieser Studie auch keine zusätzliche Wirkung auf die depressiven, die Angst- und die Zwangssymptome. Die fehlende Wirkung von zusätzlichem Fluoxetin in dieser Studie passt aber zu anderen Studien z.B. bei Panikstörungen, bei denen eine Kombination mit Psychopharmaka nur in der Akutbehandlung einer alleinigen Psychotherapie überlegen war. Es gibt auch Studien, bei denen im Follow-up alleinige Psychotherapie der Kombinationsbehandlung überlegen war, wohl weil die Kranken dabei die Wirkung mehr sich selbst als den Medikamenten zuschreiben konnten.

Heinrich Egli

Standpunkte und Meinungen
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infomed-screen 10 -- No. 8
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Fluoxetin ohne Wirkung bei Magersucht (August 2006)