Pharma-Kritik

Eflornithin

Etzel Gysling
pharma-kritik Jahrgang 30, Nummer 12, PK239
Redaktionsschluss: 3. März 2009
DOI: https://doi.org/10.37667/pk.2008.239
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Synopsis

Eflornithin wird in Form einer Crème (Vaniqa®) als Behandlung bei Frauen mit Gesichtshirsutismus empfohlen.

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Chemie/Pharmakologie

Eflornithin (Difluormethylornithin, DFMO) hemmt die Ornithindekarboxylase irreversibel. Unter der Einwirkung der Ornithindekarboxylase wird Ornithin zum Diamin Putrescin dekarboxyliert. Dieser Vorgang entspricht der ersten Stufe in der Biosynthese von Polyaminen, die für die Zellteilung wichtig sind. Eflornithin wurde zuerst als Chemotherapeutikum untersucht und später auch als wirksam in der Behandlung der afrikanischen Schlafkrankheit (Trypanosomiasis) erkannt. Da die Substanz auch die Ornithindekarboxylase in den Haarfollikeln hemmt, kann sie das Haarwachstum reduzieren. Vaniqua® entspricht einer 11,5%igen Eflornithin- Crème, die lokal appliziert wird.

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Pharmakokinetik

Gemäss den vorliegenden Daten wird weniger als 1% der auf der Haut aufgetragenen Eflornithin-Crème resorbiert; diese kleine Menge wird unverändert mit dem Urin ausgeschieden.(1) Systemisch verabreichtes Eflornithin hat eine Plasmahalbwertszeit von etwa 4 Stunden. Auch in diesem Fall erfolgt die Ausscheidung zu mehr als 80% in unveränderter Form über die Nieren.

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Klinische Studien

Bei etwa der Hälfte der Frauen, die an Hirsutismus leiden, besteht ein polyzystisches Ovarialsyndrom.(2) Andere nachweisbare Ursachen sind selten (Androgen-produzierende Tumoren, adrenogenitales Syndrom, Medikamente); bei rund 40% findet man keine Ursache. Die störenden Gesichtshaare können auf ganz verschiedene Art und Weise entfernt werden, z.B. mit Auszupfen, Rasieren oder mit epilierenden Crèmen. Elektro- und Laserepilation sind Methoden mit länger anhaltender oder bleibender Wirkung. Bei den Frauen, die an den Studien mit Eflornithin teilnahmen, wurde vorausgesetzt, dass sie die Haare mindestens zweimal wöchentlich entfernten.

Gemäss einer unveröffentlichen Dosis-Findungsstudie, in der auch geringere Eflornithin-Konzentrationen (3,83%, 7,67%) getestet wurden, kann erst mit einer Konzentration von 11,5% eine gegenüber der Crèmegrundlage signifikante Wirkung erreicht werden.(3)

Die Eflornithin-Crème wurde in zwei Doppelblindstudien mit der entsprechenden Crème-Grundlage («Placebo») verglichen. An diesen beiden Studien, die nach demselben Protokoll durchgeführt wurden, nahmen insgesamt 596 Frauen teil. Mittels einer Bildanalyse wurde sichergestellt, dass an der Oberlippe und am Kinn dieser Frauen eine Haardichte von durchschnittlich mindestens 5 Haaren pro cm2 vorhanden war. Eflornithin- oder Placebo-Crème wurden täglich zweimal auf die betroffenen Gesichtsstellen aufgetragen. Schon nach 4 bis 8 Wochen Behandlung fanden sich deutliche Unterschiede zwischen den beiden Gruppen. Nach 24 Wochen Behandlung wurde die Behaarung ärztlich beurteilt. Um eine gleichmässige Beurteilung zu ermöglichen, mussten sich alle Frauen 48 Stunden vorher rasieren. Wenn gar keine oder kaum mehr Terminalhaare sichtbar waren, so galt die Behandlung als erfolgreich. Dies war bei 32% der Frauen in der Eflornithin-Gruppe, aber nur bei 9% in der Placebogruppe der Fall.(4) Fünf Frauen müssen statt einer Placebo-Crème Eflornithin anwenden, damit eine ein klinisch gutes Resultat erreicht (NNT). Die Antworten auf sechs Fragen zum Ausmass der Störung durch den Hirsutismus wurden mittels einer visuellen Analogskala erfasst; diese Beurteilung durch die Frauen selbst fiel ebenfalls zu Gunsten der Eflornithin-Crème aus. Etwa 8 Wochen nach Beendigung der Behandlung hatte der Hirsutismus wieder das gleiche Ausmass wie vor der Studie.(5) Es wurde nicht berichtet, in welchem Ausmass die Frauen gesamthaft mit der Behandlung zufrieden waren.

In zwei weiteren Doppelblindstudien wurde untersucht, wie sich Eflornithin bei Frauen auswirkt, die eine Laserbehandlung vornehmen lassen. Dabei wurde die Eflornithin-Crème wiederum mit der Crèmegrundlage verglichen; die linke Gesichtsseite wurde mit dem einen, die rechte Seite mit dem anderen Präparat behandelt. Zu der einen Studie wird nur über das Resultat bei denjenigen 54 Frauen berichtet, die die Studie zu Ende geführt hatten. Nach 6 bis 22 Wochen Crème-Behandlung (plus zwei Laserbehandlungen) war das Haarwachstum unter Eflornithin signifikant geringer als unter der Placebocrème. Am Studienende (nach 36 Wochen) fand sich jedoch kein signifikanter Unterschied mehr.(6)Die zweite Studie, bei 31 Frauen, dauerte maximal 6 Monate und zeigte am Ende eine bessere Wirkung von Eflornithin.(7)

Vergleiche mit anderen lokal oder systemisch angewandten Therapien liegen nicht vor. Ebenso fehlen bis anhin kontrollierte Untersuchungen, die länger als 8 Monate dauerten.

Der Vollständigkeit halber soll erwähnt werden, dass systemisch verabreichtes Eflornithin bei Trypanosomiasis als Mittel der Wahl angesehen werden kann.(8) Es ist wesentlich weniger toxisch als das arsenhaltige Melarsoprol. Zur Wirksamkeit von Eflornithin in der Onkologie – z.B. bei Glioblastom, Prostata- und Kolonkarzinom – liegen keine definitiven Resultate vor.

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Unerwünschte Wirkungen

Die Eflornithin-Crème verursacht etwas häufiger Hautsymptome als die Crème-Grundlage. Während mit der Eflornithin- Crème etwa 14% der Frauen über Brennen, Stechen oder andere kutane Symptome berichteten, waren es mit der Placebo-Crème signifikant weniger, nämlich nur 4%.(4) Nach der Behandlung klagten viele Frauen – rund 21% – in beiden Gruppen über Akne-Symptome. Im Tierversuch konnte allerdings weder für die Crème-Grundlage noch für die aktive Crème eine Komedonen-fördernde Wirkung gefunden werden. Ob Eflornithin allenfalls langfristig zu einer Hautatrophie führen könnte, lässt sich wegen der relativ kurzen Dauer der vorhandenen Studien nicht beurteilen.

Hinweise auf relevante Interaktionen fehlen bisher.

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Dosierung, Verabreichung, Kosten

Vaniqa® ist als Hautcrème erhältlich, die 115 mg Eflornithin pro g enthält. Das Präparat ist nicht kassenzulässig. Die Crème soll täglich zweimal, im Abstand von mindestens 8 Stunden, in dünner Schicht auf die betroffenen Hautstellen aufgetragen werden. «Dünn auftragen» bedeutet, dass eine 60-g-Tube mindestens zwei Monate reichen soll. Nach dem Auftragen und Einmassieren dürfen die behandelten Stellen für 4 Stunden nicht gereinigt werden. Die Behandlung kann mit anderen Methoden der Haarentfernung kombiniert werden, darf aber frühestens 5 Minuten nach der Haarentfernung z.B. mittels Rasur appliziert werden. Nach der Anwendung müssen die Hände gewaschen werden. Um einen anhaltenden Erfolg zu gewährleisten, muss die Crème ständig angewandt werden.

Da keine entsprechenden Untersuchungen vorliegen, soll die Eflornithin-Crème bei Kindern und Jugendlichen bis zum Alter von 12 Jahren sowie bei schwangeren und stillenden Frauen nicht verwendet werden.

Eine 60-g-Tube Vaniqa® kostet CHF 148.50 und sollte für 2 Monate reichen. Das Präparat ist im EU-Raum nur marginal billiger. Andere «medizinische» Behandlungen des Hirsutismus sind billiger; z.B. kostet Cyproteronacetat (Androcur- 10®) in Kombination mit einem Kontrazeptivum weniger als 30 Franken pro Monat.

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Kommentar

Es fällt schwer, den Stellenwert der Eflornithin-Crème festzulegen. Wirksamer als ein Placebo ist sie offensichtlich, aber nur etwa bei einem Drittel der Frauen lässt sich ein guter Erfolg beobachten. Entsprechend ist es auch richtig, dass die Eflornithin-Behandlung nach drei Monaten beendet werden soll, wenn keine Besserung festgestellt werden kann. Eine Frau, die sich zu dieser Behandlung entschliesst, sollte sich auch bewusst sein, dass eine Wirkung nur anhält, wenn ständig weiter behandelt wird. Dabei ist auch das – bisher theoretische – Risiko zu bedenken, dass eine langfristige Eflornithin-Behandlung zu einer Hautatrophie führen könnte. Einzelne Gremien – z.B. das schottische «Medicines Consortium» – empfehlen, Eflornithin nur dann anzuwenden, wenn keine andere medikamentöse Behandlung in Frage kommt.(9)

Am Beispiel von Eflornithin kann besonders gut gezeigt werden, wie sehr für die Pharmaindustrie die finanziellen Eigeninteressen im Vordergrund stehen und wie wenig diese Industrie für kranke Menschen übrig hat. Obwohl schon seit mindestens 1987 bekannt war, dass Eflornithin bei Trypanosomiasis hochwirksam ist,(10) sollte die Produktion von Eflornithin in den 1990er-Jahren eingestellt werden – zu wenig rentabel. Intensive Bemühungen der «Médecins Sans Frontières» und der WHO brachten zunächst keinen bleibenden Erfolg. Schliesslich wurde bekannt, dass im Hinblick auf die hier besprochene Eflornithin-Crème eine neue Produktionsstätte für dieses Medikament aufgebaut worden war. Erst nach weiteren Verhandlungen und dank massivem Druck der Öffentlichkeit gelang es schliesslich, die Herstellerfirma zu einer Kooperation zu gewinnen, die initial von 2001 bis 2006 dauerte, nun aber bis 2011 weitergeführt wird. Dass erst die medizinisch-kosmetische Perspektive den Weg zu den wirklich Kranken frei gemacht hat, stimmt nachdenklich.

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Literatur

  1. Malhotra B et al. J Clin Pharmacol 2001; 41: 972-8
  2. Moran C et al. Arch Med Res 1994 ; 25 : 311-4
  3. http://www.emea.europa.eu/humandocs/PDFs/EPAR/vaniqa/ 021201en6.pdf
  4. Wolf JE et al. Int J Dermatol 2007 ; 46 : 94-8
  5. Jackson J et al. Int J Dermatol 2007; 46: 976-81
  6. Smith SR et al. Dermatol Surg 2006; 32: 1237-43
  7. Hamzavi I et al. J Am Acad Dermatol 2007; 57: 54-9
  8. Pépin J, Milord F. Adv Parasitol 1994; 33: 1-47
  9. http://www.scottishmedicines.org.uk/smc/files/eflornithine%20cream% 20 resub%20159-05.pdf
  10. Pépin J et al. Lancet 1987; 2: 1431-3
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Standpunkte und Meinungen

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Eflornithin (3. März 2009)
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